Im Frühjahr 2026 fand ich in den ZEIT-Reisen eine interessante Offerte: „Sternradeln in der Toskana“. Jutta wollte mir schon immer mal die Toskana zeigen. Mit diesem Angebot konnten wir das Fahrradfahren mit dem Kennenlernen der italienischen Landschaft verbinden.
Anfang September sollte unsere Reise beginnen. Leider bekam Jutta im Frühsommer erhebliche gesundheitliche Probleme mit ihrem linken Bein. Widersprüchliche Diagnosen und langwierige Terminierungen von Untersuchungen machten es für Jutta unmöglich, Fahrrad zu fahren. Die zwischenzeitlich voll bezahlte Reise wollte sie nicht absagen. Schließlich war es ihr Wunsch, mir die Toskana zu zeigen. Sie war mit befreundeten Frauen schon mehrmals dort gewesen.
Mit dem Veranstalter vereinbarten wir, dass Jutta mit dem Begleitfahrzeug an die Haltepunkte mitfahren oder mit unserem Auto selbständig zu vereinbarten Treffpunkten fahren kann. Um uns unabhängig von den anderen Teilnehmern Pisa anschauen zu können, buchten wir noch eine zusätzliche Übernachtung.
Am zweiten Freitag im September starteten wir wohlgelaunt und erwartungsvoll unsere Anreise mit unserem Mokka-E. Die einzelnen E-Ladepunkte mit Ausweichmöglichkeiten hatte Jutta für die Hin- und Rückreise akribisch aufgezeichnet. Die Übernachtungen waren mit den Ladestationen abgestimmt. Pickerl und Maut für Österreichs Autobahnen vorgebucht. Für Italien brauchten wir nur die Bank-Karten. An- und Rückreise sollten entspannt verlaufen. So der Plan, doch es kam anders.
In Memmingen im Allgäu zeigte nach dem Laden der Autobatterie die Anzeige im Cockpit, dass ein Defekt aufgetreten, die Weiterfahrt nicht möglich und sofort eine Werkstatt aufzusuchen sei. Glücklicherweise befand sich die nächste Opel-Werkstatt gleich um die nächste Straßenecke.
Das Auslesen der Fehleranzeige ergab, dass tatsächlich eine Weiterfahrt nicht möglich, das zwingend auszutauschende Ersatzteil nicht auf Lager sei und eine Reparatur erst nach Eintreffen dieses Teiles erfolgen könne. Ersatzteillieferungen sind derzeit langwierig, wurde uns bedeutet.
An diesem Freitagnachmittag schien unser Urlaub schon zu Ende zu sein. Wesentliche Hilfe war vom Händler nicht mehr zu erwarten. Wir waren auf uns allein gestellt. Mit Hilfe des Verkaufsbüros für Opel-Mitarbeiter und der Mobilitätsgarantie für unseren Leasing-Mokka konnten wir nach mehrfachen telefonischen Versuchen über den ADAC ein Leihfahrzeug erhalten und unsere Reise am Freitagabend mit einem Frontera-Automatik fortsetzen. Die Automatik war wichtig, sonst hätte Jutta wegen ihrer Kniebeschwerden nicht weiterfahren können. Auf unseren gemeinsamen Fahrten sitzt sie immer am Lenker.
Die Autobahngebühren waren auf das Kennzeichen unseres Autos eingetragen und nun zu ändern. Auch diese Herausforderung meisterte Jutta in Abstimmung mit dem österreichischen Anbieter. Problemlos öffneten sich die Schranken für unseren Frontera mit Münchener Kennzeichen. In Italien gelang das ungewohnte Self-Service-Tanken nach sorgfältiger Prüfung der auf Italienisch beschriebenen einzelnen Verfahrensschritte.
Immer noch zuversichtlich kamen wir bei strahlendem Sonnenschein am Sonntagnachmittag in dem beeindruckenden Landhaus in Massa Marittima an. Die Hotelanlage Tenuta del Fontino lag abseits der Landstraßen auf einem Hügel. Den geparkten Frontera sollten wir erst wieder zu unserer Abreise bewegen.
Die vorzügliche Küche servierte extra für uns einen schmackhaften Lunch. Zu dieser Zeit waren wir noch die einzigen Gäste. Unsere geräumige Suite hatte vorn direkten Zugang zur Terrasse. Auf der anderen Seite gelangten wir nach wenigen Metern zum Pool. An diesem warmen Nachmittag erkundeten wir das typisch toskanische Landgut.
Am frühen Abend trafen wir mit Elke, der Reiseleiterin, Thomas, dem Fahrer des Begleitfahrzeugs, und den anderen Radlern erst zu einem Sektempfang und später zum gemeinsamen Abendessen und Kennenlernen auf den Terrassen zusammen. Unsere Gruppe setzte sich aus Frauen und Männern mittlerer und älterer Jahrgänge zusammen. Ich war nicht der Älteste. Otto war es mit fast 84 Jahren. Die Jüngsten waren in den 50-ern.
Montag, 14. September – Lagune Orbetello – Tarot-Garten – Capalbio
Zum Startplatz brachte uns erst einmal der Bus. Auf dem Parkplatz standen unsere Räder akkurat aufgereiht. Am Gepäckträger waren unsere Namensschilder angebracht. Die Suche ging los. Mein Rad hatte den Namen Bergkristall. Thomas stellte mein E-Bike auf mich ein. Auf dem Platz machte ich mich in kleinen Runden mit dem Gefährt vertraut. Das Fahrrad kam die ganze Zeit gut mit mir zurecht.
Bevor wir losradelten, wurden wir von Elke eingewiesen. An der Spitze fährt sie, einer mit Warnweste am Schluss. Otto meldete sich freiwillig. Er war der Letzte auf allen Touren. So konnte er seine Besuche der „grünen Toiletten“ individuell gestalten.
Vom Parkplatz führten breite asphaltierte Radwege erst durch eine moderne Wohnsiedlung. Meine Aufmerksamkeit galt zu diesem Zeitpunkt noch den unterschiedlichen Schaltmodi auf der kleinen digitalen Anzeige. Bei einer engen rechtwinkligen Kurve hätte ich beinahe mit der Innenpedale den Kantstein touchiert.
Die Lagune Orbetello lag in Fahrtrichtung auf unserer rechten Seite. Durch eine kilometerlange Landzunge ist die Lagune vom Meer abgetrennt. Im seichten Wasser gründelten rosarote Flamingos. Im Uferschilf standen Silberreiher auf der Lauer.
Die Spanische Mühle verdankt ihren Namen aus der Zeit, als die Spanier die Herrschaft über die Maremma ausübten. Ursprünglich waren es mehrere Flutmühlen, angetrieben durch die Gezeiten. Mit zunehmender Versandung und letztlich der Schließung der Lagune blieben die wechselnden Strömungen aus. Deshalb wurden sie im Mittelalter zu Windmühlen umgebaut. Die Molino Spagnolo ist das letzte erhaltene Bauwerk von ursprünglich neun.
Unsere Radtour führt uns weiter durch das Naturschutzgebiet. Durch Pinien- und Kiefernwälder gelangten wir an eine Wegkreuzung mit einer Steinsäule. Im Wald von Porto Ercole am Monte Argentario erinnert ein Denkmal an den Todesort des berühmten Barockmalers Michelangelo Merisi da Caravaggio.
Weiter fuhren wir in Richtung Meer. Unsere Räder stellten wir ab und liefen die letzten Meter zum Strand. Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht lag eine Vielzahl von Segelschiffen im Hafen. Die umliegenden Hügel krönten wehrhafte Burganlagen. Auf sandigen Wegen fuhren wir zurück durch die lichten Kiefernwälder.
Am Nachmittag erreichten wir den Tarot-Garten. Die Künstlerin Niki de Saint Phalle installierte hier über mehrere Jahre die für sie typischen Skulpturen: Hohe Priesterin, Die Sonne, Der Kaiser, Tränen, Venusbrunnen, Die Liebenden, verschiedene Nanas und andere skurrile Figuren.
Der Anstieg vom Parkplatz hinauf zum Skulpturengarten war für Jutta schon eine Herausforderung. Wir beide gingen gemächlich hinter der Gruppe hinterher. Während ich zu den verschiedenen Ausstellungsobjekten ging, brach Jutta die Besichtigung ab und kehrte besorgt zum Bus zurück. Der mühevolle Abstieg bereitete ihr sehr starke Schmerzen. Dies veränderte erheblich den weiteren Verlauf ihrer Aktivitäten.
Thomas übernahm die Fahrräder, wir fuhren im Bus zum Abendessen in Capalbio. Der Bus konnte nicht bis hinauf zum Restaurant fahren und Jutta keinen Schritt mehr laufen. Für die Hin- und Rückfahrt organisierten wir ein Privatauto der Gaststätte. Auf der Terrasse mit Blick auf die Landschaft im Abendlicht haben wir uns das gute Essen schmecken lassen.
Gleich am ersten Tag legten wir über 40 km auf dem Fahrrad zurück. Eine erste Herausforderung war der lange steile Anstieg direkt nach einer sehr engen Kurve. Schaltfehler beeinträchtigten eine gleichmäßig zügige Bergfahrt. Noch hatte ich meinen Platz im Team nicht gefunden.
Dienstag, 15. September – Massa Marittima
Am Morgen starteten wir vom Hotel aus zu unserer Fahrt nach Massa Marittima. Nach dem Schotterweg vom Hotel bog der ganze Pulk ab auf die Landstraßen. Von da an fuhr ich meistens direkt hinter Elke. Das Fahren inmitten der Kolonne mochte ich nicht.
Auf den Hügeln rund um die kleine malerische Stadt befanden sich frühe etruskische und römische Siedlungen. Unsere touristische Führerin, eine kleine blonde Deutsche, treffen wir vor einer Kirche. Der schlichte Kreuzgang war lichtdurchflutet. Portal und Kirchenschiff waren ebenfalls einfach gestaltet.
Die Führung begann oben an den Stadtmauern. Die erste Befestigung wurde von der beherrschenden Stadt Siena erbaut. Später gelangte die Region in den Besitz der rivalisierenden Metropole Florenz. Der nächste Wall musste selbstverständlich größer und mächtiger ausfallen. Von den Befestigungen bot sich ein malerischer Anblick auf die Altstadt mit der herausragenden Kathedrale.
Durch enge und verwinkelte Gassen schoben wir unsere Räder hinunter in die Altstadt. Auf dem zentralen Platz beeindruckten zwei alte Häuser. Die beiden aus dem Mittelalter stammenden Gebäude sind das Rathaus – Palazzo Comunale – und der Polizei- und Justizpalast mit Gefängnisturm – Palazzo del Podest. Am Rathaus konnten sich die gewählten Bürgermeister mit ihren Wappen verewigen. Neben dem Eingang ist in die Außenwand ein Längenmaß eingelassen. Die 160 cm dienten den Marktleuten als verbindliche Referenz.
Auf der anderen Seite beherrschte die romanische Kathedrale San Cerbone den Marktplatz. Der imposante Dom des Bischofssitzes entstammt dem 13. Jahrhundert. Ungewohnt und beeindruckend die Kuppel in der Mitte des Langschiffes, auch als Laterne bezeichnet.
Eines der repräsentativen Bürgerhäuser ist mit der Kapitolinische Wölfin mit Romulus und Remus verziert. Ein beliebtes Motiv aus der römischen Kaiserzeit, welches in verschiedenen Ausführungen bis ins Mittelalter gefertigt wurde. Die schattigen Gassen verleiteten mich zu einem Fotoexperiment.
Das gemeinsame Mittagessen verspeisten wir unter Sonnenschirmen auf der Piazza. Eine Eisportion und ein Cappuccino rundeten das schmackhafte Mahl ab.
Über Täler und Hügel fuhren wir auf dem Rad zurück zum Hotel. Vor dem Abendessen konnten wir in der zugehörigen Kelterei bei der Weinverkostung die Rotweine und einen Weißwein aus eigenen Weinbergen probieren. Der Weißwein wird unter dem Namen der Großmutter Sophie vermarktet. Die jetzt das Unternehmen führende Enkelin trägt traditionsgemäß den gleichen Vornamen.
Unser Tagespensum durch schattige Täler und über Hügel war etwas mehr als 35 km. Ab jetzt war ich immer vorne dabei.
Mittwoch, 16. September – Paolo der Fischer
Für unser nächstes Event mussten wir sehr früh aufstehen. Der Bus wartete gegen halb sechs am Morgen. Nach kleinem Frühstück holte ich auf der Fahrt zum Hafen etwas Schlaf nach.
Der Fischer Paolo wartete bereits auf uns. Die Ausfahrt zu seinen Stellnetzen war für ihn schon spät. Während er vor der Küste den Fang einholte, erläuterte er seine Mission. Anders als die Fischindustrie plädiert er für einen nachhaltigen Fischfang. Für regionale Fischerei und gegen die den Meeresboden zerstörenden Schleppnetze setzt er sich ein. In zahlreichen Aktionen kämpft er für seinen traditionellen Beruf. Auf eine internationale Auszeichnung ist er besonders stolz.
Zurück im Hafen starteten wir unsere Heimfahrt durch den Naturpark. Bergab ging es durch alte Olivenhaine. Später fuhren wir auf Dämmen durch karge Weideflächen. Hier werden in extensiver Tierhaltung halbwild lebende Maremmaner Rinder gehalten. Leider hatten wir keine finden können.
In den Entwässerungsgräben standen Silber- und Graureiher. Manche fühlten sich durch die vorüberfahrenden Touristen gestört und flogen auf. Am blauen Himmel kreisten Bussarde.
In dem früher sumpfigen Malariagebiet (mal aria – schlechte Luft) und heute trockengelegten landwirtschaftlich genutzten Weideflächen legten wir auf festen Radwegen ca. 30 km zurück.
Für diesen Radel-Urlaub hatte ich meine kleine M 50 eingepackt. An diesem Tag kam sie nur wenig zum Einsatz.
Donnerstag, 17. September – Landschaft der Etrusker
An diesem Tag lag die Herausforderung im Bewältigen mehrerer Anstiege auf die Hügel der südlichen Toskana. Das kleine Bergdorf Vetulonia im Bezirk Grosseto beherbergt ein Etrusker-Museum. Das war eines unserer ersten Ziele.
Zum Ort hinauf zweigte eine ca. 4 Kilometer lange Nebenstraße ab. Wie üblich gab Elke am Beginn der Abzweigung die Strecke für das eigene Tempo frei. Meine vordere Position ausnutzend startete ich sofort los. Zügig fuhr ich die langgezogenen Serpentinen hinauf und war wieder einmal als Erster oben.
Auf dem Vorplatz des Museums wartete ich. Außer Atem staunte Susanne über meine gleichmäßige Fahrweise. Ich sei die Bergziege des Teams, meinte sie. Reinhard, ein stämmiger Unternehmer aus Westfalen, klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Ottos Frau Tina prüfte misstrauisch mein Fahrrad. Sie fragte, ob ich eine größere Batterie oder einen leistungsstärkeren Motor habe. Sichtlich enttäuscht stellte sie fest, mein E-Bike verfügte über die gleiche Ausstattung wie alle anderen Räder.
Nach dem Besuch der lehrreichen Ausstellung im Museum radelten wir weiter. Elke animierte ein paar Radler zu einem weiteren kurzen Anstieg im Ort. Zusammen fahren wir noch zu den Resten einer alten Mauer, welche die Etrusker errichteten. Danach ließen wir die Räder die Serpentinen wieder herunterrollen.
Für den späten Nachmittag war ein Abstecher an die Küste eingeplant. Ein paar von uns packten die Badesachen aus. Wir beide schlenderten langsam am Kai entlang. Bei aufkommendem Wind wurden die Wellen heftiger an Land gespült. In einem feinen Restaurant an der Promenade konnten wir während des Abendessens die untergehende Sonne betrachten.
Um das Tagespensum zu schaffen, brauchten wir natürlich ausreichende Verpflegung. Thomas bereitete zu den Mittagszeiten appetitlich anzuschauende und sehr gut schmeckende Buffets vor. Jedes Mal umlagerten wir erwartungsvoll den Tisch. Das gesamte Team begeisterte sich an den unterschiedlichen Arrangements.
An ausgesuchten schattigen Plätzen zelebrierte er die Anordnung der einzelnen mediterranen Leckereien, die er selbst im Supermarkt einkaufte. Jutta begleitete ihn mehrmals und berichtete von den fast andächtigen Vorbereitungen unserer Picknicks.
So gestärkt kamen wir müde von dem langen Tag wieder im Landhotel an. Mein Tacho zeigte exakt 48 Kilometer.
Freitag, 18. September – Siena
Ein herausragender Anziehungspunkt unserer Reise war für Jutta die Stadt Siena. Im Bus fuhren wir bis etwa 20 Kilometer vor die Stadt. Thomas hielt die Räder bereit, wir stiegen auf. Jutta blieb im Bus.
In der offenen hügeligen Landschaft standen die typischen schlanken Zypressen am Wegesrand. Über den abgeernteten Acker hastete ein Fasan und verschwand im angrenzenden Gebüsch. Am Horizont zeichnete sich die Silhouette der Stadt ab.
Am Rande des Gewerbegebietes wurden wir Fahrradfahrer wieder eingesammelt und bis vor die Stadtmauer kutschiert. Am Parkplatz vor dem Fortezza Medicea trennten wir uns von der Gruppe. Wir waren nicht so beweglich und wollten per Taxi zum Domplatz gelangen. An der Besichtigung des Domes hätten wir nicht teilnehmen können.
Damit begann das Desaster. Das abgestellte Taxi war nicht belegt. Unter der angegebenen Telefonnummer hörten wir nur automatische Ansagen. Plötzlich kam ein Gewitter auf. Innerhalb weniger Minuten durchnässte uns ein heftiger Platzregen. Wir suchten Hilfe erst in einer Bank, dann in einem Café. In beiden Fällen konnten auch die hilfsbereiten jungen Männer trotz vieler Versuche kein Taxi für uns beschaffen.
Wenigstens der Regen hatte aufgehört. Von der Terrasse des Cafés sahen wir weiter unten im Tal die Basilika die San Domenico. Selbstverständlich war das fantastische Panorama von Siena beindruckend. Für uns beide erschien es mir fast unerreichbar.
Jutta wollte unbedingt hinunter in die Altstadt, trotz ihres lädierten Knies. Wir benötigten mehr als 2 Stunden für den Ab- und Anstieg zum Dom. Sie erlitt unsägliche Schmerzen und schleppte sich mehr durch die Gassen als das sie ging. Endlich erreichten wir die Piazza Duomo.
Erst kurz vor dem Domplatz hatten wir ein Taxi vorbeifahren sehen. Elke, mit der wir telefonisch in Kontakt waren, konnte schließlich ein Taxi für uns organisieren. Auf der Rückfahrt zum Parkplatz an der Festungsmauer kamen wir an der Piazza del Campo mit dem schlanken Campanile vorbei. Auf dem Areal werden die traditionsreichen Pferderennen der Stadtbezirke ausgetragen. Den herzförmigen Platz wollte Jutta wenigstens gesehen haben.
Dieser schrecklichste Tag fand seinen versöhnlichen Abschluss in einer entspannten Rückfahrt per Bus.
Samstag, 19. September- Bergdörfer
Im Laufe der Woche zeigte uns Elke unterwegs, in welche Dörfer und auf welche Hügel wir noch fahren werden. Die anstrengendste Tagestour bewahrte sie für uns zum Schluss.
Wenn Elke die Strecke für Bergankünfte freigab, dann fuhr ich mit meinem Tempo vorneweg. So gelangte die „Bergziege“ wieder einmal ans Ziel. An einer der Steigungen hatte sich Mechthild, Reinhards Frau, an meine Fersen geheftet, mich aber nicht erreicht. Das erzählte sie mir oben mit strahlendem Lächeln.
In einem der besuchten Dörfer stand ein bronzener Esel. Hier wurden die Wettrennen mit Eseln ausgetragen. Pferde waren für die kleinen Gemeinden zu teuer.
In einem anderen Dorf auf dem felsigen Gipfel eines Hügels schlenderten wir durch enge Sträßchen. Die verlassenen Gassen boten einen malerischen Anblick. In vielen Anwesen hingen Verkaufsschilder in den Fenstern. Auf einem Platz im Zentrum stand eine Linde und davor befand sich ein Brunnen. Inspiriert von diesem romantischen Platz sangen die Frauen das Lied vom Brunnen vor dem Tore. Die Szene hatte mich berührt.
Nach einer kurzen Rast fuhren wir wieder einmal abwärts. Eine dunkle Wolke am blauen Himmel veranlasste die meisten von uns, die Regenjacken anzuziehen. Sofern sie eine mithatten. Die Regenwahrscheinlichkeit war am Morgen mit nur 30 % angegeben. Ich war vorbereitet.
Nach wenigen Minuten überraschte uns ein heftiger Schauer. Wie aus Kübeln ergoss sich der Regen über uns. In Bruchteilen von Minuten waren wir durchnässt. Meine Jacke hielt dicht, die Hose nicht. Pitschnass suchten wir am Straßenrand unter Bäumen Zuflucht. Das Blätterdach hielt den heftigen Regen nicht ab. Aus der Stützwand am Abhang schoss das Wasser heraus. Der Randstreifen verwandelte sich in kurzer Zeit in einen kleinen Bach.
Es hörte nicht auf zu regnen. Unterstellmöglichkeiten waren nicht in Sicht. Elke entschied, weiterzufahren. Jetzt hielt ich einen größeren Abstand. Meine Brille hatte keine Scheibenwischer.
So schnell wie der Schauer gekommen, so schnell kam die strahlende Sonne wieder hervor. Wie ein warmer Föhn trocknete der heiße Fahrtwind unsere nassen Klamotten.
Wegen der engen Bergstraßen konnte Thomas uns diesmal nicht mit Bus und Anhänger begleiten. Elke beorderte ihn zu einem Treffpunkt im Tal. Dort nahm er drei von uns mit ihren Rädern auf und fuhr sie zurück.
Einigen von uns dauerte der Aufenthalt am Rand der Landstraße zu lange. Sie fuhren einfach los in Richtung des von Elke telefonisch reservierten Restaurants. Erst zögerte ich, dann fuhr ich den Ausreißern hinterher. Schließlich fanden wir die einfache Trattoria. Als wir wieder alle zusammen waren, die wohlschmeckenden Pizzen gegessen und die Rotweinflaschen geleert waren, brachen wir fröhlich wieder auf.
Wir kamen nicht weit. Reinhard hatte zwischenzeitlich sein nasses Hemd gegen seine trockene Regenjacke getauscht. Die feuchte Jeans behielt er an. Wieder ohne Ankündigung leerte sich eine Wolke über unseren Köpfen. Auch das andere Ereignis wiederholte sich. Die wärmenden Strahlen der Sonne trocknete unsere Kleidung.
Auf dem Rückweg gab Elke kurz vor der Abzweigung zum Hotel zum letzten Mal die Fahrt frei für den eigenen Rhythmus. Diese letzten Kilometer gehörten mir. Vor dem aufziehenden Regen noch schnell die Allee hinauf zum Hotel. Immer noch mit hohem Tempo wollte ich auf dem Kiesparkplatz kurz wenden, um zurück zum Himmel nach dem zu erwartenden Regen zu schauen.
Zum Schluss bin ich etwas unorthodox abgestiegen. Der Bergkristall blieb unbeschädigt. Das leicht aufgeschrammte Knie und die dreckige Hose hatte ich nicht bemerkt. Es setzte wieder der Regen ein. Das beabsichtigte Foto vom Fahrrad bliebt unbelichtet.
Die turbulenten Ereignisse dieses Tages erzeugten aus meiner Sicht eine unerwartet wohltuende Gruppendynamik. Erleichtert plaudernd liefen wir durch den Regen zu unseren Zimmern.
Abwechslungsreiche 58 Kilometer fuhr ich an diesem Tag. Meine kleine Blessur wurde von Jutta sorgfältig behandelt. Zufrieden bereitete ich mich auf das Abendessen vor.
Sonntag, 20. September – Hotel
Für den allgemeinen Abreisetag stand Pisa auf dem Programm. Wir beide entschieden uns für das Ausruhen. Die zurückliegenden Tage waren nicht einfach gewesen. Entspannen war uns wichtiger, als einen schiefen Turm zu sehen. Ein, zwei Bahnen im Pool schwimmen, die Liegen in den Schatten der Bäume rücken und einfach nur rumliegen.
Zeit genug, um einige Funktionen der kleinen Canon auszuprobieren. Bei meinen Foto-Experimenten traf ich auf die Köchin. Neben den Blumen wuchsen auch verschiedene Kräuter in den angelegten Beeten. Eine Handvoll davon schnitt sie ab. Die Ernte bereicherte das opulente Abendessen. Mit dem milden Weißwein Sophie ging der Abend zu Ende.
Montag, 21. September – Rückfahrt
Thomas heftete ein Zettel an die Rückscheibe unseres Autos: Gute Heimreise.
Für die geänderte Rückreise waren Hotelumbuchungen erforderlich. Die Fahrt verlief wieder störungsfrei. In Italien akzeptierte die Autostrada unsere Bankkarten. In Bozen verhandelten wir mit dem aufmerksamen Hotelier ein größeres und ruhiges Zimmer. Im Restaurant reservierte er uns einen besonderen Tisch. Auf den österreichischen Autobahnen funktionierte wieder die automatische Registrierung.
Resümee: Die Hinfahrt war ein Desaster. Unterwegs trafen wir auf hilfsbereite Mitmenschen, junge und alte. Das Hotel war komfortabel und die Küche vorzüglich. Die Reiseleiterin Elke und der Tourenbegleiter Thomas verhielten sich mustergültig. Die anderen Teilnehmer waren im Allgemeinen sehr umgänglich. Durch unsere Ablehnung an der Teilnahme der digitalen Kommunikation schienen wir etwas ausgeschlossen zu sein.
In Memmingen stand unser Mokka immer noch zur Reparatur. Die Weiterfahrt nach Hause absolvierten wir im Automatik-Benziner.