Ein bunter Spaziergang
Im warmen Licht des Spätsommers zeigen sich vertraute Orte der Landeshauptstadt überraschend in hellen Farben.
Die Wetterfahne des Kurhauses weist den Weg zu den Kolonnaden des nahen Staatstheaters. Die weißen Säulen sind mit bunten Tüchern geschmückt. Am Fuße jeder Säule sind kleine Gaben ausgebreitet. Wem wurde der Stuhl vor die Tür gesetzt? Ist er zufällig gelb drapiert? Oder ist er reserviert für einen Betrachter der kunterbunten Vielfalt?
Es sind nur ein paar Schritte die Stufen hinab hinüber zum Bowling Green mit seinem sprudelnden Brunnen. Dort drüben, hinter der drapierten Mülltonne, wartet das Kurhaus auf den Besuch seiner prachtvollen Eingangshalle.
Der kleine Flötenspieler lockt zurück zur Säulenhalle mit dem verwirrenden Festival der vielen Farben. Einen Steinwurf weit, pardon, einen Kastanienwurf weit weg geht es zur „Rue“, nicht zu einem Boulevard in Paris, sondern zur Wilhelmstraße in Wiesbaden. Der Name geht auf den Herzog von Nassau zurück, nicht auf den Kaiser.
Die Häuser dieser Prachtstraße im Jugend- und neoklassizistischen Stil integrieren kontrastreich die Fassaden moderner Ersatzbauten. Vom luftigen Balkon ist das Spiel der flatternden Werbeflaggen für die Sonderausstellung zum 200-jährigen Bestehen des Museums in Ruhe zu beobachten. Auf dem Rückweg blickt Francesco von Mendelssohn mit der Zigarette in der Hand vom Fahnenmast hinunter zur glitzernden Clementine.
Umringt von hohen Bäumen wirkt die eiserne Stele fast zierlich. Die schattigen Bäume im Park zum Warmen Damm werden festgehalten im Bild. Im hellen Mittagslicht zeigt sich die Vielfalt seiner Besucher. Die Spitze des Backsteinturms der Marktkirche spiegelt sich im glatten Wasser eines Teiches.
Bevor wir auf die schiefe Bahn geraten, grüßt zum Abschied eine geschmückte Laterne. Auch Schiller deklamiert auf seinem Podest vor dem Staatstheater, ganz klein nur die Tragödie zu seinen Füßen.
Wiesbaden, September 2025