Auf unseren Fahrten zu einer der friesischen Inseln sind wir unterwegs am Rheiderland immer vorbeigefahren. So richtig wollte ich da gar nicht hin. Aus meiner Bw-Zeit in Ostfriesland hatte ich diesen Landstrich nur diffus als platte, langweilige Gegend in Erinnerung.
Jutta blieb beharrlich bei ihrem Wunsch, unsere friesischen Erfahrungen auszuweiten. Dann fahren wir eben mal dahin. Zu meiner Überraschung stellt sich dieser Landstrich in der Reisevorbereitung doch interessant dar als vermutet. Nehmen wir den holländischen Teil noch dazu, dann haben wir ein breites Spektrum unserer gemeinsamen Interessen abgedeckt.
Am frühen Morgen beginnen wir mit De Kiekkaaste bei unseren freundlichen Nachbarn. Der schmale Holzbohlenweg ist gesäumt von vertrocknetem gelbem Schilf. Noch sind die kleinen Pfützen im morastigen Boden zu weißen Scheiben gefroren. Vor uns die Aussichtsplattform auf hohen Stelzen. Hinter den Schilfwedeln ist das Wasser zu sehen.
Im Dollart ist Ebbe. Von oben beobachten wir zwei gründelnde Krickenten. Der bunt schillernde Erpel steckt seinen Schnabel in den weichen Schlick. Die braun-weiß gefleckte Ente ziert sich mit einer blau leuchten kleinen Feder an der Seite. In der gegenüberliegenden Bucht steht ein Silberreiher im flachen Wasser. Mit dem Fernglas suche ich den Ufersaum ab. Dort hinten sind sie zu sehen. Auf den letzten Landzungen sind die beiden Seeadler gerade noch zu erkennen. Wie steinerne Statuen stehen sie auf dem Schlick und beobachten das Watt. Im Vordergrund stolziert ein Großer Brachvogel durch das Wasser.
Jetzt entdecke ich weitere Besonderheiten. Auf Futtersuche tauchen Brandgänse mit ihrem markanten Gefieder ihren roten Schnabel ins Wasser. Die Löffelenten dümpeln im flachen Brackwasser hinter der grünen Boje. Weiter draußen erkenne ich eine Gruppe der schwarz-weißen Säbelschnäbler. Diese selteneren Stelzenvögel wollte ich schon immer beobachten, wie sie mit ihren gebogenen Schnäbeln waagerecht durch das Wasser säbeln. Selbstverständlich fehlen nicht die Möwen. Die kleinen Lachmöwen mit ihren schwarzen Köpfen, die grau-weißen Silbermöwen und vereinzelt große Mantelmöwen mit den schwarzen Flügeldecken mischen sich unter die anderen Wasservögel.
Wir verlassen das friedliche Geschehen im Watt. Über den hölzernen Steg laufen wir zurück auf den festen Untergrund. Von hier aus ein letzter Blick über den Dollart hinüber nach Emden. Es ist immer noch kalt. Vielleicht wird es im Binnenland etwas wärmer.
Bei unserem letzten Besuch in Leer planten wir, das am Stadtrand im Ortsteil Loga gelegene Wasserschloss Evenburg zu besichtigen. Corona hatte es verhindert. Heute ein neuer Versuch in der schon angenehm warmen Märzsonne. Durch die kahlen Äste der umstehenden Bäume zeichnet sich vor blauem Himmel der Turm der reformierten Kirche ab.
Auf der anderen Straßenseite geht’s durch die Vorburg zum Schloss. Maulwurf Paule lockert den grünen Rasen durch die Vielzahl seiner Hügel auf. Vor lauter Türmchen und Bogenfenstern kann ich mich nicht zwischen den Baustilen Barock oder Neugotik entscheiden. Der Halbkreis der Speere verwehrt den Zutritt, die Brücke ist auch gesperrt. Wir schlendern durch den Park, schauen der Teichralle zu und erfreuen uns an den ersten Frühlingsblumen.
Nach einem Ostfriesentee im Schlosscafé gehen wir zurück zu unserem Mokka. Draußen sehen wir wieder den Turm der auf das frühe 13. Jahrhundert zurückgehenden Patronatskirche der Herren der Evenburg.
Am nächsten Morgen schauen wir mal am Dollart vorbei. Es ist wieder Ebbe. Ein paar Lachmöwen schauen angestrengt nach Fressbarem. Bevor die Flut höher steigt, gehen wir den Damm hinauf. Von oben sind die Buhnen und das glitzernde Wasser auch besser zu sehen.
In den folgenden Tagen wenden wir uns ab von der Meeresbucht hin zum Marschland. Ein paar kleine Gehöfte liegen verstreut hinter Schilf, niedrigen Sträuchern und lichten Bäumen. In den Sielen und kleinen Seen erwarten uns unzählige verschiedene Enten und Gänse.
Auf dem ersten Gewässer treffen wir auf Wintergäste. Pfeifenten dümpeln auf den Wellen zusammen mit einigen heimischen Graugänsen. Vom erhöhten Ufer aus beobachten Weißwangengänse die spritzenden Landemanöver ihrer Artgenossen. Nach der Landung beruhigt sich das Geschehen wieder. Über uns ziehen ein paar Brachvögel zur Küste.
Eine kleine Weile später fliegen ein paar dieser Nonnengänse auf. Der ältere Name leitet sich ab von der einer Nonnenhaube ähnelnden weißen Kopfzeichnung. Gleich darauf ist der Himmel voller Gänse. Wo fliegen sie nur hin? Wir folgen ihnen bis zur nächsten Landung.
Ein paar Kilometer durch Wiesen und Äcker müssen wir fahren, bis auch wir den See erreichen. Dort sind die Blässgänse längst angekommen. Friedlich schwimmen sie dort auf dem leicht bewegten Wasser. Weißwangengänse in unübersichtlicher Menge leisten ihnen Gesellschaft. Nahezu die halbe Fläche des Sees nehmen die Vögel ein. Fast alle versammelten Gänse schaukeln in den kleinen Wellen. Vereinzelt fliegen ein paar von ihnen auf und landen wenig später wieder auf dem See.
Als eine größere Schar beider Arten auffliegt, folgen wir ihnen zum nächsten Gewässer. Dieser kleinere See, eher ein Teich, liegt versteckt hinter dichten Büschen und hohen Bäumen und ist nicht leicht zu erreichen. In einiger Entfernung zeigt sich uns ein friedliches Bild auf dem Wasser. Plötzlich ein heftiges Flügelschlagen und lautes Geschnatter. Etwas muss die Gänseschar gestört haben. Gänseflügel peitschen das Wasser. In kurzer Zeit ist die Luft über dem Teich verdunkelt von dem aufsteigenden Gänseschwarm. Das Geschnatter verliert sich in der Ferne. Das Gewässer liegt wieder glatt vor uns. Eine Handvoll Graugänse hat das Refugium nun für sich allein.
Auch wir verlassen unsere Beobachtungspositionen und wenden uns wieder der Küste und dem Marschland hinter dem Deich zu. Im Schlick stochern Austernfischer, Kiebitz und Lachmöwe nach den Köstlichkeiten ihres Geschmacks. Auf den Buhnen rasten ein paar Enten und unzählige Steinwälzer. In dem tieferen Wasser dahinter schwimmen die hier allgegenwärtigen Wintergäste: Gänse. Wenn sie nicht gerade durch die Lüfte fliegen, rasten sie mit vollem Kropf an den Gräben der Moore in Sichtweite des Pilsumer Leuchtturms.
Am wolkenlosen blauen Himmel formieren sich einige Weißwangengänsen. Während sie sich noch hintereinander einreihen, wird unsere Aufmerksamkeit plötzlich von einem unvermuteten Objekt abgelenkt. Ein Krabbenkutter fährt an uns vorbei hinaus zum Fang.
Wir fahren in die entgegengesetzte Richtung. Anders als die Stockente tauchen wir unseren Kopf nicht ins Wasser. Wir halten Ausschau nach weiteren Besonderheiten in dieser Landschaft. Auf einer langgezogenen Schilfinsel rasten schneeweiße Löffler. Es ist nicht mehr überraschend, diese bis vor wenigen Jahren hier oben nicht heimischen Südländer anzutreffen.
Auch uns zieht es weiter. Auf unserem ausgedehnten Ausflug landen wir im Hafen von Greetsiel. Schiffe und deren Umgebung haben für uns immer wieder einen besonderen Reiz, auch wenn die Sechs Brüder mal weit vom Wasser entfernt, aufgebockt in der Gegend herumstehen. Dagegen sind uns die zwei alten Friesenhäuser im weichen Licht des Nachmittags vertrauter.
Zum Feierabend laufen wir von unserem Quartier der Abendsonne entgegen. Die Kirche und die Windmühle von Ditzum weisen uns den Weg. Der gemütliche Dorfgasthof erwartet uns.
Friesland im März 2025