Unserer zwischenzeitlichen Gewohnheit folgend, fahren wir Ende Januar 2025 wieder auf eine der Nordseeinseln. Diesmal ist es Norderney.

Bei unserem ersten Inselbesuch vor 20 Jahren peitschte der Sturm die Schneeflocken senkrecht die Hauswand des Hotels empor. Den Eingang auf der Seeseite konnten wir nur erreichen, wenn wir uns an den waagerecht um das Gebäude herum angebrachten Haltestangen entlang hangelten. So heftig wehte der Wind.

Heute ist es fast windstill, trüb und nebelig. Selbst die Graugans steht etwas verloren im Morgennebel. Unsere Ferienwohnung beziehen wir in Strandnähe am südwestlichen Zipfel der Insel. Die Fähre zum Festland gleitet schemenhaft an uns vorbei und verschwindet nach kurzer Zeit hinter der Boje im Nirgendwo.

Am Strand treffen wir die uns vertrauten Seevögel. Auf dem langen Wellenbrecher suchen schwarze Ringelgänse nach Nahrung. Selbstverständlich dürfen die niedlichen Sanderlinge am Spülsaum nicht fehlen. Putzig trippeln sie den Strand entlang. Mit dick gefülltem Kropf stehen die Silbermöwen in den auslaufenden Wellen herum und ruhen sich aus. Der Schwarm der schwarz-weißen Steinwälzer ist dagegen umtriebiger.

Wir gehen hinauf zur historischen Seenotrettungsstation, deren Anfänge bis in die Jahre um 1865 zurückreichen. Neueren Datums sind die Zeichnungen auf der Strandmauer. Um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts trug die modebewusste Dame einen eleganten Sonnenschirm auf dem Weg zur Georgshöhe.

Bildergalerie Nördernee 1

Unser Weg führt zurück zum Strand. Vor der Küste tragen die Wellen einen Frachter zum nächsten Hafen. Eiderente und Möwe beobachten auch das Meer. Hier direkt vor unsere Füße spült es einen Kadaver an. Die Silbermöwe möchte es sich ungestört schmecken lassen. Eine Krähe will auch etwas abhaben. Sie umkreist den größeren und kräftigeren Seevogel. Nach einigen erfolglosen Manövern fliegt sie davon, ohne etwas abbekommen zu haben.

Alt- und Jungvögel erheben sich in die Luft oder patrouillieren am Strand. Andere wagemutige Wesen rennen in Badesachen und Pudelmütze den Strand hinunter und stürzen sich in die kalte Nordsee. Lange halten es die Badegäste in den Wellen nicht aus. Ebenso zügig eilen sie zurück zu Handtuch und Kleidung. Bewundernd beobachtet von dick eingepackten Zuschauern.

Unser Spaziergang führt uns zu einer weiteren Versammlung. Auf Juttas Annäherung hin reagiert die Möve erst schimpfend, um schließlich doch wegzufliegen. Dann eben zum nächsten Festmahl. Dort versucht ein braungefleckter, noch nicht ausgewachsener Jungvogel einen schon aufgebrochenen Kadaver für sich allein zu zerlegen.

Als hungrige Gegenspieler hat die Jungmöwe zwei Krähen. Geschickt lenken die beiden im Wechsel die nervöse Möve ab. Offenbar wissen sie, dass sie mit ihr ein leichteres Spiel haben. Eine der beiden wird schon zum Zuge kommen. Schließlich zupft eine der Krähen die Möve am Schwanz und zwingt sie in die Knie, damit die andere Krähe etwas stibitzen kann. So geht es hin und her.

Auf einem anderen Wellenbrecher rasten Eiderente, Kormoran und die allgegenwärtigen Möwen in Gemeinschaft mit Ringelgänsen. Eine Gruppe dieser Wildgänse fliegt auf und passiert uns in eindrucksvoller Formation. Zu den auf den Steinen zurückbleibenden Gänsen gesellen sich Austernfischer hinzu auf der Suche nach Nahrung.

Etwas weiter haben die Wellen noch eine Mahlzeit an Land gespült. Hier versorgt sich eine ausgewachsene Mantelmöwe mit Nahrung. Die dabeistehende junge Silbermöwe verharrt in respektvollem Abstand. Sie akzeptiert das Kräfteverhältnis und kann nur abwarten. Wir beide bleiben nicht am Strand und laufen durch die Dünen zurück. Unser Nachmittagsimbiss wartet zuhause.

Bildergalerie Nördernee 2

Durch einen schmalen rosa Streifen teilt die Morgensonne die grauen Wolken. Heute Morgen werden wir das Inselinnere erkunden. Die aufsteigende Sonne spiegelt sich in den noch gefrorenen Wasserflächen. Wir folgen unseren Orientierungshilfen. Ich bevorzuge Karten und Markierungen im Gelände, Jutta vertraut ihren digitalen Hilfen. Von Zeit zu Zeit stimmen wir unsere ermittelten Beobachtungen ab.

Unser Weg führt uns in südlicher Richtung hin zur Wattseite der Insel. Die höher gestiegene Sonne taut den Untergrund immer mehr auf. Schließlich kommen wir an eine Stelle, die wir nicht mehr auf festem und trockenem Untergrund umrunden können. Bei meinem Versuch, den Modder durch einen Sprung zu überwinden, lande ich am Rande der Pfütze gerade noch im Schlamm. Ich drehe mich um und sehe, wie Jutta dieses Hindernis überwindet.

Schuhe und Strümpfe ausgezogen, Hosenbeine aufgekrempelt und barfuß durch das Moor. Nachher im kalten Wasser den Schlamm von den Füßen gewaschen und mit mehreren Papiertaschentüchern die jetzt warmen Beine getrocknet. Das ist Juttas pragmatische Lösung.

Ein neuer Tag am Strand. Wir finden die Schaukeln wieder, auf denen wir schon vor 20 Jahren gesessen haben. Damals habe ich Jutta die Grundlagen der Fotografie erläutert, heute kann ich von ihr lernen. Jetzt wollen wir aber erst den sonnigen Tag auf uns einwirken lassen. Der Wind fegt in hellgelben Wellen den feinen Sand über den sich dunkler abhebenden Strandboden. Nur ein paar Sanderlinge trippeln auf Nahrungssuche durch die flachen Gezeitentümpel.

Vom östlichen Ende der Insel sehen wir am Horizont die Umrisse von Baltrum. Unser Leuchtturm weist uns den Weg zurück in den Ort. Wir wandern durch die trockenen Dünen. Die kargen Gräser und Moose haben ihren besonderen Reiz. Am Rande von Wasserlöchern wächst vom Wind niedrig gehaltenes bizarres Gehölz. Nicht mehr weit ragt der Leuchtturm über die Dünen.

Bildergalerie Nördernee 3

Den neuen Tag verbringen Jutta und ich wieder mit Spaziergängen am Nordseestrand. In langen Wellen rollt die See heran. Kurz vor dem Strand türmen sich die Wellen auf. Der Kamm überschlägt sich in spritzende Gischt. Die weißen Schaumkronen klatschen auf die eingerammten Pfähle. Die Ausläufer gleiten sanft den flachen Strand hinauf. Faszinierend und verwirrend das Spiel der Naturgewalten.

Auf ihren gefleckten Schimmeln galoppieren zwei Reiterinnen fröhlich winkend an uns vorbei. Ruhig liegt die Feder in der Mittagssonne. Die immer noch hohen Wellen scheinen die satten Möwen nicht zu beeindrucken. Die Austernfischer spiegeln sich im ablaufenden Wasser. Die Perle in der Austernschale ist sicherlich schon geborgen. Auf den Wegen durch die Dünen schauen wir uns noch einmal die Moose, die Heidebüsche und die zerzausten Bäumchen an.

Bildergalerie Nördernee 4

Am späten Nachmittag kehren wir zurück an den Strand. Die tief stehende Sonne lässt die Silhouette der Stadt hell erstrahlen. In der untergehenden Sonne ist im Westen die Insel Juist in Umrissen zu erkennen. Eine Krähe pickt im Algenschaum nach Fressbarem. Der Vogel stolziert herum und lässt sich von Jutta kaum stören. Die intensiven Eindrücke lenken mich ab und konzentriert folge ich den Wellen in die Unendlichkeit.

Vor unserer Abreise verabschieden wir uns von der Insel vor einem Gebäude aus vergangener kaiserlicher Bäderzeit.

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