Anfang September 2025 waren die Kraniche wieder über dem Taunus zu sehen gewesen. Mit lautem Trompeten zeichneten sie keilförmige Formationen in den hellblauen Himmel. Bis in die sternenklare Nacht hinein waren ihre Rufe zu hören.
Diese Spezies habe ich noch nicht aus der Nähe gesehen. Wo finde ich die grauen Vögel? Auf dem Darß rasteten zu dieser Zeit einige Tausend. Dorthin zu fahren war uns zu weit. Am hessischen Vogelsberg sind nur vereinzelte Tiere zu sehen gewesen. Im Naturpark Dümmer wurden noch Kranichschwärme gesichtet.
Kurz entschlossen buchten wir eine Ferienwohnung in Hüde am südöstlichen Seeufer. Das kleine Fachwerkhaus befand sich in einer ruhigen Seitenstraße. Beim Frühstück konnten wir jeden Morgen ein interessantes Ritual beobachten.
Gegenüber kam ein Hund aus dem Haus auf die Terrasse. Er durchquerte bedächtig den Vorgarten, trat vor das Gartentor, blickte nach rechts, dann nach links und wartete. Kurz darauf folgte sein Herrchen. Der rüstige alte Mann schaute zum Hund, der Hund schaute zum grauhaarigen Alten und beide starteten zu ihrer morgendlichen Runde.
Auf der Hinfahrt sahen wir kurz vor Erreichen unseres Zieles die ersten Kraniche auf einem Acker direkt neben der Straße. Eine Handvoll dieser Vögel stand auf dem Feld, neben jedem Tier lag ein Kranichkadaver. Es sollten die einzigen Opfer der Vogelgrippe sein, die wir zu sehen bekamen.
Am Tag nach unserer Ankunft fuhren wir zu unserer ersten Beobachtung. In den Informationsbroschüren hatten wir nachgelesen, wo und zu welcher Tageszeit sich die Kraniche üblicherweise aufhalten sollten.
Erwartungsvoll lenkten wir unser Auto nach Südosten in Richtung der Stemweder Berge. Die erste Ansammlung von Kranichen entdeckten wir in der Nähe eines Gehöftes. Auf dem abgeernteten Acker standen sie ruhig herum. In ihrer unmittelbaren Nähe ruhten Graugänse. Unser Fahrzeug wurde von ihnen zwar registriert, offensichtlich waren wir für sie aber keine Bedrohung. Wir wollten näher ran.
Die Äcker wurden durch schmale Straßen in Rechtecke aufgeteilt. Entlang der Baumreihen wechselten wir die Seite und beobachteten den Anflug weiterer Vögel. Die angekommenen Kraniche stellten sich lautlos dazu. Wieder Bilder des gelangweilten Ausruhens vor menschleerer Kulisse.
Etwas Bewegung kam in die Szene durch einen landenden Kranich. Elegant sah das gerade nicht aus. Die staksigen Bewegungen der langen Beine glichen mehr einem Stolpern als sanftem Aufsetzen.
Für kurze Zeit kehrte wieder Ruhe ein. Die kleine Gruppe widmete sich erneut dem Stochern nach Nahrung. Doch dann tat sich etwas. Ein paar Vögel nahmen Anlauf und erhoben sich langsam in die Luft. Es folgten weitere und sie flogen ebenfalls auf. Die Graugänse blieben sitzen. Eine Störung der Kraniche war von unserem Standort nicht auszumachen.
Wahrscheinlich war die Mittagspause zu Ende. Auf der angrenzenden Wiese kamen die dort rastenden Stelzenvögel auch in Bewegung. Auch hier erfolgte der Aufbruch lautlos und für uns ohne erkennbaren Grund. Einige Graugänse schlossen sich an und verschwanden hinter den Wipfeln der Bäume.
Wir suchten in dem Areal nach weiteren Kranichen. Auf einer Wiese standen nahe der Straße zwei dieser Gesuchten. Unser leise heranrollendes Auto wurde über die Schulter beäugt und langsam die Fluchtdistanz vergrößert. Als wir anhielten, flogen die beiden auf und davon.
Auf der Rückfahrt nach Hause konnten wir auf einem Feld noch ein paar Vögel erspähen. Für diesen Tag hatten wir genug gesehen.
Am nächsten Tag brachten wir etwas Abwechslung in unsere Ausflüge. Am Rande unserer Beobachtungsplätze fanden wir Hinweise auf das Schloss Ippenburg. Nichts wie hin. Dort angekommen stellten wir leicht enttäuscht fest, Besichtigungen des von den Eigentümern bewohnten Anwesens waren nicht möglich. Auch die Gartenanlagen waren geschlossen.
Auf unserem Weg vom Parkplatz zu dem imposanten Landsitz hatten wir ausreichend Gelegenheit, unseren fotografischen Vorlieben zu frönen.
In die idyllische Stille drang plötzlich lautes Motorengeräusch. Unsere Blicke richteten sich gen Himmel. Ein kleines Sportflugzeug flog über unsere Köpfe hinweg. Direkt dahinter folgten einige Kraniche in uns vertrauter Keilformation.
Nach dieser willkommenen Abwechslung ließen wir das Schloss hinter uns. An alten Bäumen vorbei liefen wir zurück zu unserem Auto. Von der kleinen Holzbrücke aus war das sich im stillen Wasser spiegelnde bunte Herbstlaub schön anzusehen.
Am Nachmittag wollten wir erkunden, wo sich unsere Fotomotive zu dieser Tageszeit aufhalten. Auf dem Weg zu unserem neuen Ziel schauten wir zwei Altvögeln zu, die mit ihrem Nachwuchs auf dem Stoppelfeld herumspazierten. Die Alten hatten uns immer im Blick. Aus dem Gebüsch an der Straße rannte ein Fasanenhahn vor uns davon.
Auf dem Weg zu den Moorflächen, den vermuteten Übernachtungsplätzen der Kraniche, widmete Jutta ihre ungeteilte Aufmerksamkeit den bodennahen Objekten. Essen wollten wir die Pilze nicht.
Am Ende des herbstlich bunten Weges öffnete sich die Landschaft. Oben vom Aussichtsturm war die flache Moorlandschaft gut zu überblicken. Am Rande des in einiger Entfernung beginnenden Waldes waren vereinzelt einige wenige Vögel zu erkennen.
In geringerer Entfernung waren mehrere Wasserflächen, die sich auch für eine sichere nächtliche Rast geeignet hätten. Wir warteten. In der beginnenden Abenddämmerung zeichneten sich mehrere Schwärme am Himmel ab. Bei uns landeten sie nicht. Im Mondlicht traten wir den Heimweg an.
Zur nächsten Mittagszeit brachen wir auf in ein anderes Moorgebiet. Bis wir es erreichten, zwang uns auf der gewählten Straße eine Vollsperrung eine weite Umleitung zu fahren. So etwas passierte uns während unserer Rundfahrten mehrfach.
Am Ziel angekommen schauten wir oben vom Aussichtsturm nach rechts und nach links, trockenes Grasland, herbstlich grün-gelbe Bäume, leere Wege – kein Lebewesen zu sehen.
Wir stiegen wieder hinab. Auf dem Weg zum nächsten Moor fanden wir an einem Feld am Waldrand einige Kraniche. Ein paar von ihnen standen entspannt auf einem Bein mit dem Kopf unter dem Flügel. Zwei von ihnen flogen auf. Den Abflug schauten wir uns noch an.
Vom Parkplatz zum Moor führte ein schöner grüner Weg. Bei dem Blick von der Aussichtsplattform zeigte sich ein ähnliches Bild wie auf dem vorherigen Aussichtsturm. Weites Blickfeld, Baum links, Bäume rechts, dazwischen trockenes Heidekraut, gelbes Gras und am Boden hellbraune Pilze.
Die Raben sahen von oben auf kleine Tümpel. Im morastigen Wasser verfaulten die Reste versunkener Bäume. Vorbei an einem historischen Knüppeldamm gelangten wir zu einer noch offenen Wasserfläche. Hier spiegelte sich der Himmel im glatten Wasser. Ein Brettersteg führte uns hinaus aus dem Moor. Durch hohes Gras hindurch gelangten wir wieder auf den Feldweg.
Am Nachmittag fuhren wir zum nächsten Moor. Vom grünen Hügel schauten wir hinab auf eine endlos schwarze Torflandschaft. Ein Raupenfahrzeug schob die dunkle Masse zu kleinen Hügeln zusammen. Auch hier zeigten sich keine Kraniche auf der Wasserfläche im Hintergrund. Später beobachteten wir mehrere Kraniche in typischer Winkelformationen auf dem Flug zu ihren Ruheplätzen.
Am nächsten Morgen fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein nochmals ins Rhedener Geestmoor. In der kargen Landschaft sollte sich ein Nachtlager der Kraniche befinden. Die direkte Straßenverbindung war immer noch gesperrt. Wir nahmen uns die Zeit und fuhren eine andere Umleitung.
Zur Mittagszeit leuchteten die gelben Blätter der Birken vor klarem blauem Himmel. Der aufkommende Wind schob Wolken vor sich her und kräuselte das Wasser eines kleinen Sees. Für den umgestürzten Baum war bestimmt ein heftigeres Lüftchen die Ursache. Die Straße führte uns an grünen Wiesen vorbei. Im Hintergrund entdeckten wir grasende Schafe, immer noch keine Kraniche.
Die fanden wir später am Waldrand. Noch stocherten sie auf den abgeernteten Feldern nach Nahrung. Bei einer kleinen Ansammlung war eine der seltenen Auseinandersetzung der ansonsten verträglichen Vögel zu beobachten. Der Streit war ohne größere Aufregung in kurzer Zeit erledigt.
Am späten Nachmittag hatten wir offensichtlich den richtigen Standort gewählt. Die Parkplätze an den Aussichtplattformen waren dicht besetzt. Viele Holländer waren mit ihren Autos und Wohnwagen darunter. Mit einer Gruppe von Fotografen kamen wir ins Gespräch. Gemeinsam warteten wir auf den abendlichen Zug der Kraniche. Die Niederlande liegen abseits der Flugrouten. Wegen der Zugvögel kommen sie in den Naturpark Dümmer, nicht wegen der Pilze.
Mit fortschreitender Dämmerung flogen die ersten Vögel über unsere Köpfe. Es war ein beeindruckendes Schauspiel. Kraniche und Gänse im Winkelflug über den Baumwipfeln. Am dunklen Abendhimmel die Vögel des Glücks vor dem hell leuchtenden Halbmond.
Die Anzahl bei unseren Kranichsichtungen waren nicht immer zufriedenstellend. Eine ortskundige Frau gab uns den Tipp, Richtung Diepholz zu fahren. Dort im Steinfelder und Südlohner Moor waren sie vor einigen Tagen noch zahlreich gesichtet worden.
Tatsächlich sahen wir erst wieder nur ein paar von ihnen in einiger Entfernung. Es war wieder das übliche Bild. Die meisten standen auf dem Acker herum, ein paar lockerten ihre Flügel und einige badeten in einem Entwässerungsgraben.
Zum Abschluss unserer Exkursionen erspähten wir auf einem gelben Stoppelfeld doch noch eine sehr große Ansammlung der grauen Stelzvögel. Es herrschte ein reges An- und Abfliegen. Am Ende unserer Reise schauten wir in gebührendem Abstand zu. Näher ran kamen wir nicht.