Rostock
Unser letzter große Segeltörn liegt schon etwas länger zurück. Jetzt im Jahr 2024 wollten wir es entspannter angehen. Die im Allgemeinen ruhigere Ostsee haben wir uns als Segelrevier ausgesucht. Mit dem Traditionssegler der Bark „Artemis“ sollte unsere Jagd über die Wellen nicht den Walen gelten, sondern uns weit hinaus in die Ostsee führen. Mit der Crew können wir bei den Manövern mithelfen, dürfen als Passagiere aber auch nur zuschauen.
In Rostock beginnt unsere Reise. Auf einem Hügel unweit unseres Hotels überragt die St. Petrikirche das Stadtbild. Ein einfacher Orientierungspunkt für unseren Rückweg. Alte Kirchen sind faszinierende Baudenkmäler.
Vom Kröpeliner Tor sind es nur wenige Schritte bis zum Springbrunnen mit den jungen Mädchen. Zurück geht es hinter dem Tor an den Wallanlagen entlang. Die rote Backsteinfassade des Klosters zum Heiligen Kreuz überragt die mittelalterliche Stadtmauer. Dahinter sind die Giebel und Dächer der Häuser in der Altstadt zu sehen. Besonders eindrucksvoll ist der Terrakottaschmuck der Fassade der alten Universität von Rostock.
In der Altstadt ist die St. Marienkirche unser nächstes Ziel. Das helle Kirchenschiff beindruckt mit seiner Empore und der darüber angeordneten Orgel. Die goldverzierte Kanzel, die kunstvollen Altäre und das bronzene Taufbecken sind bemerkenswerte Zeitzeugen der Rostocker Geschichte. Besonders sehenswert ist die astronomische Uhr mit den vier Aposteln.
Der weitere Rundgang bis zum Steintor führt durch die Gassen mit den prachtvollen Häusern und ihren markanten Giebeln. Auf dem Rückweg gelangen wir zum Kuhtor, dem ältesten Stadttor. Oben vom Turm der Petrikirche schweift der Blick über die Altstadt hinweg hinüber zum Hafen an der Warnow.
Irgendwo dort unten an der Pier liegt die „Artemis“. Wir werden sie besuchen.
Kopenhagen
Der Kapitän unterbreitet uns zwei mögliche Routen. Die eine Variante bedeutet, direkt nach Bornholm zu segeln, um dort drei Tage auf der Insel zu verbringen. Die andere Segeltour würde uns zuerst nach Kopenhagen führen und danach einen kürzeren Aufenthalt auf der Ostseeinsel beinhalten. Wir entscheiden uns überwiegend für Dänemarks Hauptstadt.
Draußen auf der Ostsee ist es kalt und windig. Unsere Laune dagegen ungezwungen heiter. Die Segel sind gesetzt, der leichte Wind weht beständig. Gute Gelegenheit, sich auf dem Schiff umzuschauen. Sind die Leinen sorgfältig gelegt, auf den Belegnägel die richtigen Leinen? Die Begutachtungen sind zufriedenstellend, Zeit für eine besinnliche Ruhepause im Windschatten des Ruderhauses.
Werden wir die nächste Insel noch vor der Dunkelheit erreichen? Am frühen Abend kommt die dänische Insel Seeland in Sicht. Ein grün-weißer Streifen hebt sich am Horizont vom Wasser ab. Die höchsten Kreidefelsen der Ostsee sind deutlich zu erkennen.
In meinem Gedächtnis erscheint mir Moens Klint viel größer und in leuchtendem Weiß. Damals, während meines ersten Ostseetörns im Jahr 1969, erstrahlten die Klippen im hellen Morgenlicht der aufgehenden Sonne. Von unserer kleinen Segelyacht erschien die Küste sehr steil und hoch. Heute sind die Klippen tatsächlich etwas geringer. Vor einigen Jahren ist ein riesiger Felsbrocken abgebrochen und ins Meer gestürzt.
Wir stemmen uns gegen den auffrischenden Abendwind. Im Vorübergleiten kann ich meinen Gedanken nachhängen und die achteraus untergehende Sonne beobachten.
Am nächsten Morgen in Kopenhagen beginnen wir unsere Erkundungen mit einem Spaziergang zur bekanntesten Jungfrau der dänischen Metropole. Über einen Brunnen hinweg ist im Hintergrund die Marmorkirche zu erkennen.
Die kleine Meerjungfrau allein anzutreffen, ist nicht ganz einfach. Einen aufdringlichen japanischen Touristen kann sie auf den glitschigen Felsen ausrutschen und ins Wasser fallen lassen, dann wendet sie sich huldvoll uns zu.
Auf dem Weg zurück ins Zentrum sehen wir rechts das Kastell mit der anglikanischen Kirche St. Alban. Der Innenraum der Kirche ist sehr schlicht. Im Gegensatz dazu sind der wenige Schritte entfernte Brunnen und die Statue der Prinzessin Marie ziemlich pompös. Gelassen paddeln die Graugänse durch die grünen Seerosen.
Die Frederikskirche, Marmorkirche, ist leider für Besucher geschlossen. Wir gehen weiter zum Schloßplatz und erreichen gegen Mittag die königliche Residenz Amalienborg, gerade rechtzeitig zur Wachablösung. Soldaten in Paradeuniform mit Bärenfellmütze und Karabiner marschieren auf. Säbel und verschiedenfarbige Troddeln baumeln an ihren Gürteln. Kurios erscheint mir die rückwärtige Begleitung einer Kompanie Gardesoldaten durch eine einzelne Soldatin.
Auch wir sind erschöpft von dem ganzen Gezappel und kehren zurück in die City. In einem hyggeligen Café kommen wir mit einem dänischen Brüderpaar in ein angeregtes Gespräch. Der ältere von ihnen war auch Gardesoldat und schwärmt noch von seiner Dienstzeit.
Auf Empfehlung der beiden Dänen laufen wir zum königlichen Garten mit der Rosenborg. Königin Caroline Amalie steht stolz im bunt blühenden Garten des Sommerhauses von König Christian IV. Vor lauter Bescheidenheit verlassen wir den Park und laufen durch den quirligen Nyhaven zurück zu unserem Schiff.
Die aufziehenden Regenwolken gemahnen zur Eile. Kurz bevor wir das moderne Schauspielhaus unten am Hafen passieren, beginnt es zu tröpfeln. Nur noch wenige Schritte, dann sind wir an Deck im Trocknen, bewundern das freischwebende Dach der modernen Oper am gegenüberliegenden Ufer und warten auf den Sonnenuntergang.
Am nächsten Morgen setzen wir wieder die Segel. Schiff ahoi!
Bornholm
Die Bojen markieren das Fahrwasser. Wir folgen den Seezeichen hinaus auf die Ostsee. Wieder einmal ein Sonnenuntergang auf See. Am nächsten Morgen zeichnet sich ein schmaler Streifen Land am Horizont ab. Es wird aber noch eine Weile dauern bis wir die Insel erreichen. Zeit genug, das Spiel der Wellen, das Licht in den Segeln und den Wind in den Haaren zu betrachten.
Gespannt beobachten wir die näherkommende Küste. Die Ostseewellen brechen sich an den aufgeschichteten Gesteinsbrocken der Mole vor dem Hafen von Hasle, einer kleinen Stadt an der Westküste Bornholms. Mit gerefften Segeln gleiten wir unter Motor langsam in den Hafen. Nach einem perfekten Wendemanöver in dem engen Hafenbecken legen wir an Backbord an.
Der Hafenmeister ist mit dem Taxi gekommen oder ist er selbst der Taxifahrer? Im strahlenden Sonnenschein klatschen draußen die hoch spritzenden Wellen auf den Steinwall. Das kleine Städtchen ist schnell erkundet. Oberhalb des Hafens finden wir in der Nähe des Rathauses die Bushaltestellen.
Die richtige Busverbindung ist ausgewählt. Wir fahren nach Roenne, dem Hauptort der Insel. Unser Zielort ist der Industriehafen, Endstation. Unsere Erwartung wird nicht erfüllt: es ist nichts los!
Wir finden das Tourismusbüro und erhalten dort von den freundlichen Damen einen Stadtplan und auf Deutsch einige Tipps, was wir uns anschauen sollten. In der Mittagszeit schlendern wir durch die Altstadt bis zur alten Kirche. Uns begegnet kaum jemand. Sind denn alle Einwohner mit samt den Touristen auf dem Festival in Allinge am Nordzipfel der Insel?
Den beschaulichen Rundgang beenden wir im Zentrum bei Kaffee, Tee und Kuchen. Auf der Rückfahrt mit dem Bus sind wir in Begleitung von Schülern. Die Bustickets behalten wir als Andenken. Zum Sonnenuntergang sind wir zurück auf unserem Segler.
Am nächsten Morgen laufen Jutta und ich in Richtung Strand. Über die blühenden Blumen hinweg sehen wir den unten rastenden Kormoranen und Schwänen zu. Der vorbeifahrende Segler stört die Wasservögel nicht. Die steile Klippe hinunter zum Strand ist schnell bewältigt. Die schönen Steine darf ich nur fotografieren. Jutta meint, wir haben schon genug solcher Souvenirs zu Hause.
Zurück auf den Klippen klettern wir durch windzerzauste Kiefernwälder in Richtung Hafen. Die beiden im Wasser schwimmenden Säger sind vor den grau-braunen Ufersteinen kaum zu erkennen. Die museale Heringsräucherei mit den großen Kaminen bildet den Schlusspunkt unserer Erkundungen auf der Insel Bornholm.
Kiel
Der Himmel ist bedeckt. Der Wind hat aufgefrischt. Es ist kalt. Jetzt bläst der Wind wieder kräftiger von Achtern. Die bauchigen Segel drücken die Artemis leicht nach Steuerbord. Die leichten Wellen lassen uns ein wenig den Seegang spüren. Nicht jeder an Bord kann damit unbeschwert umgehen.
Die Ostsee ist blaugrau. Die ausrollenden Wellenkämme blinken hell im Sonnenlicht. Vorne baut sich die schäumende Bugwelle zu weißer Gischt auf. Die Sonne ist hinter Wolken verborgen. Aus einem schmalen wolkenfreien Streifen sendet sie ihre Strahlen zum Horizont.
Jutta beobachtet die untergehende Sonne. Vor die orangefarbene Sonnenscheibe schiebt sich ein Frachter. Langsam verschwindet seine Silhouette aus unserem Blickfeld. Noch wenige Minuten, dann beginnt eine weitere Nacht auf unserer Bark.
Am nächsten Morgen sind wir in Kiel-Holtenau angekommen, dem Ziel unserer Reise. Auf der gegenüberliegenden Seite unseres Liegeplatzes beginnt der Nord-Ostsee-Kanal. Auf unserer Seite steht der alte Leuchtturm aus Kaisers Zeiten.
Juni 2024